Zeitschrift “Weinwelt” schreibt bei Weinblog ab
Die Geschichte ist reichlich schräg. Zugleich bestätigt sie, was ohnehin schon sichtbar ist: Weinzeitschriften haben sich in den letzten Jahren selbst abgewirtschaftet. Dazu muss man nicht nur die sinkenden Auflagen betrachten. Auch die deutlich abnehmenden journalistischen Leistungen gelten hierfür als Hinweis. Als letzte und aktuellste Etappe gestattete sich die Zeitschrift “Weinwelt” ungenannt Inhalte aus einem Weinblog zu übernehmen. Weinblogs scheinen insgeheim eine wichtige Quelle für Inhalte in Printmedien zu sein. So kann man schon im Vorfeld sehen, was beim Leser ankommt und man kann sich die eigene Mühe bei der Recherche sparen.
Zum konkreten Fall: Hier auf Weinverkostungen.de wurde intensiv über das Microbloggingtool Twitter berichtet. Dazu wurden viele Wein-Twitterer befragt. So beantwortete auch der Weinmacher Dirk Würtz aus Rheinhessen unsere Fragen. Er erklärte am 20.05.2009 per Email zum Twittersalesday: “Ich habe sowohl einen teuren, als auch einen günstigen Wein angeboten. Beides hat funktioniert.” Hier wurde dies dann veröffentlicht. Wortgetreu erscheint dieses Zitat nun in der Zeitschrift Weinwelt in einem Artikel von Kristine Bäder (Ausgabe 5/2009, Seite 8).
Doch noch viel mehr: Weinmacher Würtz war über den Bericht in der Weinwelt vollkommen überrascht. Niemand habe von der Zeitschrift mit ihm gesprochen. Bei Twitter bestätigt er zudem, diese Aussage so gegenüber Weinverkostungen.de getätigt zu haben. Da man Zitate – wie übrige Texte – nun mal nicht umformulieren kann, kann so eine Geschichte auffallen. Interessant nur, dass während sich Kristine Bäder in ihrem Artikel über die aus ihrer Sicht zweifelhafte Richtigkeit von Angaben im Web2Null mokiert, sie zugleich von dort abschreibt.
Und so werden in der Zeitschrift “Weinwelt” wieder einmal mehr billige Vorurteile gegenüber Web2Null-Anwendungen bedient. Beispielsweise wird darauf angespielt, dass bei Twitter mitgeteilt wird, wann Menschen gerade Duschen gehen. Es gab bislang jedoch noch keinen Winzer, der so etwas bei Twitter geschrieben hat. Vielmehr finden dort sehr viele extrem aktuelle Diskussionen von Weinexperten statt. Die eigentliche Stärke von Twitter ist jedoch: Es werden Brücken zwischen Weinendverbrauchern, Händlern, Winzern und Weinjournalisten gebaut. Und das in Echtzeit.
Deutlicher Abwärtstrend bei der Auflage
Bei der Zeitschrift “Weinwelt” ist die Abwärtsentwicklung bei den Abonnenten und den Leserzahlen eindeutig. So sanken die Abos im letzten Jahr auf 6.671 (Quartal 1/2009; dazu im Vergleich Vorjahr Quartal 1/2008 7.553 Abonnenten). Das ist ein Minus bei den Abos von 11,7 Prozent innerhalb eines Jahres. Der Verkauf sank in diesem Zeitraum um ca. 7 Prozent (Datenbasis IVW).
Dieser Leserrückgang bei der “Weinwelt” sowie anderen Weinzeitschriften ist jedoch kein Naturgesetz. Vielmehr ist er die Folge einer falschen oder nicht erkennbaren Strategie zur Weiterentwicklung des Printmediums. Gründe für den Rückgang der Leser bei Zeitschriften sind nicht nur veränderte Lesergewohnheiten, sondern dass viele aktuelle Themen schon lange vor dem Erscheinen der Zeitschrift im Internet aufgetaucht und durchdiskutiert sind.
Wenn die Verantwortlichen in Weinzeitschriften sich crossmedialen Strategien verwehren und weiterhin auf sehr dynamische und wachsende Projekte im Internet naserümfend herabschauen, ist das Ergebnis vorprogrammiert. Wenn man nun auch noch beginnt, auf eine eigene Recherche verzichten und lediglich Internettexte mit persönlichen Befindlichkeiten und eigenen beruflichen Interessen angereichert zusammenzuschreiben, ist der Rechtfertigungsdruck für den Abo- oder Kaufpreis extrem hoch.
© Thomas Günther / weinverkostungen.deDas Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken und Zitieren erlaubt, Kopieren verboten.
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Appenzeller
Bernd Klingenbrunn
Freitag, 14. August 2009 13:15
Hallo zusammen, das ist leider keine Ausnahme, habe unter http://bkam.wordpress.com/2007/07/15/6-pfalzer-weissburgunder-preis-2007/ die Ergebnisse auf meinem Blog veröffentlicht (meinen Favoriten Minges in der Publikumsprobe mit Nr.8 gekennzeichnet) in der nächsten Printausgabe von Vinum wurden diese Ergebnisse mit meiner internen Kennung (Nr.8) einfach übernommen!
Andreas Kaul
Freitag, 14. August 2009 13:37
Dazu passt auch: Wir hatten mal eine Spätlese von Stigler anl. einer Weinrallye diskutiert. Unsere Beschreibung ist uns dann zufällig etwas später in Hamburg in einer Weinkarte eines Restaurants wieder in die Hände gefallen – im Wortlaut… Zufall dass wir es gesehen haben. Wobei der Weinwelt-Zusammenhang im vorliegenden Fall natürlich ungleich schwerer wiegt. Segen und Fluch zugleich dieses Copy/Paste.
Schönes Wochenende
PvC
Freitag, 14. August 2009 15:13
Mein Rat als Journalistin: Bei hemmungslosem Kopieren darf man eine Honorarrechnung an die Redaktion senden, bei ungefragter Übernahme von Internetartikeln ist sogar das 1,5 bis 2fache Honorar üblich. Denn ja, das Urheberrecht gilt in JEDEM Medium.
KS
Freitag, 14. August 2009 16:10
Zitate, auch aus Blogs oder Twitter, sind auch ohne Anfrage bei deren “Urheber” erlaubt, müssen aber als solche kenntlich gemacht werden. Hätte die Journalistin geschrieben; dass Sie diese Aussage in dem und dem Blog oder Twitterfeed gelesen hätte, ware es ok. Aber sie schreibt das ja so, als hätte sie mit Hr. Würtz selbst gesprochen, und das ist nicht erlaubt.
Sollte man als Journalist wissen; ebenso, dass Twitter kein Forum ist, sondern ein Microblogging-Dienst.
Dirk Würtz
Samstag, 15. August 2009 07:18
Sehr guter Bericht, Thomas!
Da ich dieses Magazin nicht lese, hätte ich das fast nicht mitbekommen, wenn mir auf Twitter nicht zufällig jemand davon berichtet hätte. Grundsätzlich finde ich es in Ordnung, wenn sich die Printler Infos aus dem Netz holen. Was aber gar nicht geht, ist einfach abschreiben und nicht auf die Quelle verweisen. Insbesondere wenn es um Zitate geht und das Ganze so dargestellt wird, als wäre der Betreffende selbst befragt worden. Da spielt es für mich überhaupt keine Rolle, ob das erlaubt ist oder nicht. Das ist einfach ein schlechter Stil. Wenn mich Thomas fragt, ob ich mich für einen Blogbeitrag zu einem Thema äußern möchte, und ich dem zustimme, dann mache ich das für Thomas, respektive seinen Blog. Nicht für ein Printmagazin. Wenn die mich zitieren wollen, dann sollen Sie mich bitte kontaktieren und dann überlege ich mir genau, ob ich etwas sagen will oder eben nicht.
weinverkostungen.de
Sonntag, 16. August 2009 13:03
@ Bernd Klingenbrunn und Andreas Kaul:
Die Beispiele sind sehr zahlreich. Mich freut jedoch, dass ich mit meiner Ansicht, dass sich Print dessen bedient, was online passiert, nicht alleine stehe.
@PvC:
Die juristische Ebene ist eindeutig. Leider sind die konkreten Fälle nicht davon betroffen. Für ein Zitat kann ich ja kein Urheberrecht einfordern. Und mir geht es weder um dreimarkfünfzig, noch um irgendwelche juristische Auseinandersetzungen.
@KS:
Genau das trifft es: Namen richtig zu nennen und korrekt Zitieren ist etwas, was man in einer journalistischen Ausbildung ganz am Anfang lernt. Und Frau Bäder ist auch keine Volontärin oder freie Journalistin, sondern Redakteurin, also wesentlich mehr an eine Entwicklung dieser Zeitschrift gebunden. Und gerade wenn man dann noch ein eigenes Foto über den Text setzt, sollte man doch Grundanforderungen an Qualität erfüllen. Mir wäre so etwas jedenfalls peinlich.
@Dirk:
Ich lese die “Weinwelt” und die Vinum auch nicht mehr. Früher habe ich beide häufiger am Kiosk gekauft. Heute durchblättere ich die dort nur noch, um zu schauen, ob wieder mal was kopiert wurde. Auffällig ist, dass die meisten Themen für mich bereits abgehackt sich. Die Entdeckung von diesem Fall steht einem ungenannten und geschätzten Dritten zu.
Eigentlich ist es ja auch erfreulich, dass sich die gute alte Tante Weinzeitschrift den schnellen Medien im Netz annimmt und darüber berichtet. Aber bitte nicht in dieser Form und mit diesen Mitteln. Es gibt doch so viele Geschichten aus dem Netz, die man spannend (und nebenbei journalistisch Korrekt) im Print-Bereich erzählen kann.
Mich freut auch die Offenheit, mit der du mit der Problematik umgehst. Ich glaube es gibt nur eine gute Form des Umgangs mit solchen Themen: Öffentlichkeit herstellen! Erst dann wird sich etwas ändern.
Noch ein kleiner Nachtrag: Ich hatte natürlich auch bei der Redaktion der “Weinwelt” um deren Sichtweise angefragt. Dies halte ich für sinnvoll, da ich um eine ausgewogene Berichterstattung bemüht bin. Dort wurde ich jedoch lediglich auf den Urlaub von verantwortlichen Leuten verwiesen. Das war vor vier Wochen!
Lesetipps 18.8.2009
Dienstag, 18. August 2009 05:01
[...] Weinwelt (obwohl ich sie irgendwie mag) schreibt erst bei ihm ab und lästert dann mal ordentlich im gleichen Artikel (auch auf die Kommentare [...]
Kristine Bäder
Dienstag, 18. August 2009 13:37
Sehr geehrter Herr Günther,
dass das Zitat, um das es Ihnen geht, nicht als Zitat aus weinverkostungen.de kenntlich gemacht wurde, ist eine Nachlässigkeit, die ich auf meine Kappe nehmen muss. Dafür entschuldige ich mich. Ich hätte mich dennoch gefreut, wenn Sie mein Gesprächsangebot im Vorfeld zu Ihrem Kreuzzug hier angenommen hätten.
Die weinwelt hat in der Vergangenheit immer Wert darauf gelegt, eigene Texte zu produzieren und eigene Recherchen zu betreiben. Das erwarten wir auch von unseren freien Autoren. Dass wir dabei auch das Internet nutzen, ist eine zwingende Notwendigkeit. Die Chefredakteurin Ilka Lindemann sorgt maßgeblich dafür, dass die Ausgaben der weinwelt dem Anspruch der Eigenständigkeit gerecht werden. Das wird auch in Zukunft so sein.
Auch bei der Erstellung einer Zeitschrift können Fehler passieren. Das ist menschlich. Von einem einzelnen Fehler auf die Qualität eines ganzen Produktes und einer ganzen Branche zu schließen, finden wir übertrieben.
Kristine Bäder
weinverkostungen.de
Dienstag, 18. August 2009 20:58
Sehr geehrte Frau Bäder,
danke für Ihre couragierte Reaktion. Für mich ist der konkrete Fall damit erledigt. Vor Fehlern ist niemand gefeit.
Ein Kreuzzug hat aber aus meiner Sicht nicht statt gefunden. Dass mein Tweet bei Twitter ganz schnell 14 mal Retweetet wurde und der Artikel binnen weniger Stunden allein über 100 mal gelesen wurde, hat mich selbst überrascht. Das zeigt eher die inzwischen entstandene power von social-media. Das ist aber eher mit Begriffen wie critical-mass oder Schwarmintelligenz (trotz der Polemiken diesem Begriff gegenüber) zu fassen.
Und da scheint der Artikel doch eine Grundproblematik angesprochen zu haben, die bei einigen Leuten, die Wein im Web regelmäßig verfolgen, auf den Nägeln brennt. Und es ist tatsächlich so, dass vieles was im Netz passiert später umformuliert oder auch als Titel im Print erscheint. Ich erinnere mich z.B. noch an diese sehr großen Zufälle von vor zwei Jahren. In der Vinum waren die Inselweine wenig später auch ein großes Thema. Dort wurde jedoch auch die betreffende Weinrallye verwiesen.
Was man also sieht: Weinblogs und Twitter sind Trendsetter und gerade die Interaktionen und die hohe Geschwindigkeit sind von Bedeutung. Das macht ihre Reize aus. Gleichzeitig sind Blogs eigene Medien (rechtlich gleichgestellt mit Printerzeugnissen).
Ein zweiter Themenbereich bleibt auch offen: So sind Strategien zur Weiterentwicklung der Printmedien vor den Herausforderungen des Web2Null eher eine Randerscheinung. Das betrifft fast alle Wein-Zeitschriften und Printverlage. Wobei gerade in den letzten Wochen und Tagen aus meiner Sicht einige Bewegungen erkennbar sind.
Viele Grüße
Thomas Günther